

Die literarische Moderne zeigt, wie menschliche Beziehungen durch Verfremdung und abstrakte Systeme verzerrt werden. Diese Erfahrungen beschränken sich nicht auf die Literatur, sondern spiegeln sich heute erneut im Umgang mit digitalen Medien und KI-gestützter Kommunikation wider.
Wenn man traditionelle und moderne Literatur miteinander vergleicht, wird deutlich, dass sich nicht nur die Erzähler*innen, sondern auch die Wirkungsabsicht, die Wirklichkeitsdarstellung, die Figuren, wie auch die Sprache an sich grundlegend unterscheiden. In der traditionellen Literatur stehen meist klar gezeichnete Figuren im Zentrum, die als eigenständige Persönlichkeiten mit nachvollziehbaren Motiven auftreten. Die erzählte Welt ist in sich geschlossen und kohärent, Sinnzusammenhänge sind erkennbar und der Mensch erscheint als handelndes Subjekt, das aktiv in seine Umwelt eingreift oder an ihr scheitert. Literatur dient hier häufig dazu, Ordnung, Moral oder klare Entwicklungen nachahmend darzustellen.
Im Deutschunterricht haben wir besprochen, dass die literarische Moderne diese Vorstellung von Literatur aufbricht und ganz anders darstellt. Die «modernen» Autorinnen und Autoren geben die Idee der Dichtung als reine Nachahmung der Wirklichkeit auf. Statt eine kohärente, objektiv erfassbare Wirklichkeit darzustellen, gehen sie davon aus, dass eine einheitliche Perspektive auf die Welt nicht mehr möglich ist. Dafür sind gesellschaftliche und wissenschaftliche Umbrüche zuständig, wie etwa die Industrialisierung, die zunehmende Bürokratisierung, die Erfahrungen von Krieg und Nachkriegszeit sowie neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften und der Psychologie. Anders nennt man es Wirklichkeitsauflösung oder Dissoziation. An die Stelle eines geschlossenen Weltbildes tritt eine fragmentierte Wirklichkeit, die sich aus einzelnen Wahrnehmungen, Eindrücken und Perspektiven zusammensetzt.
Für die moderne Literatur bedeutet dies, dass der Blick nicht mehr primär auf die Sinnebene oder den Inhalt gerichtet ist, sondern verstärkt auf die Form und die Sprache. Das Dargestellte muss nicht möglichst realistisch oder „wahr“ wirken, sondern bewusst als Erfindung und Konstruktion erkennbar werden. Es gibt kein festes Zentrum der Wirklichkeit mehr, sondern eine Abfolge von Einzelbildern, die kein eindeutiges Gesamtbild ergeben. Da es keinen verlässlichen Erzähler und keine eindeutige Wirklichkeit mehr gibt, fehlt den Lesenden eine einfache Identifikationsmöglichkeit. An ihre Stelle tritt bewusste Verfremdung. Der Text fordert dazu auf, distanziert und kritisch gelesen zu werden. Die Leserin oder der Leser soll erkennen, dass das literarische Werk eine Konstruktion ist, und wird dazu angehalten, aktiv mitzudenken und Bedeutung mitzugestalten. Die literarische Moderne verlangt somit einen reflektierten, emanzipierten Leser, der den Text nicht nur konsumiert, sondern ihn im Lesen miterschafft.
Besonders deutlich wird dies in «Der Process» von Franz Kafka. Die Hauptfigur Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne den Grund zu kennen. Von Beginn an ist er einem anonymen Justizsystem ausgeliefert, das ihn nicht als Menschen wahrnimmt, sondern als Fall. Sein Name reduziert sich auf einen Buchstaben, seine Individualität verliert zunehmend an Bedeutung. Kafka, der selbst in der Unfallversicherung tätig war, kannte bürokratische Abläufe aus eigener Erfahrung. Diese prägen den Roman entscheidend. In «Der Process» wird Josef K. vom Gericht nicht als Mensch wahrgenommen, sondern als eine Akte. Der persönliche Bezug geht verloren, das Individuum wird zu einem verwalteten Vorgang. Das Gericht interessiert sich dabei nicht für seine Persönlichkeit, sondern für die Bearbeitung seines Falls. Dadurch wird Josef K. entmenschlicht und auf eine Funktion im System reduziert. Auffällig ist dabei, dass Josef K. sich «ab und zu» schuldig fühlt, ohne zu wissen, worin seine Schuld besteht. Diese Schuld wird zu einem unklaren Grundgefühl, das nicht rational erklärbar ist. Das Gericht fungiert durch die ganze Erzählung eigentlich als Spiegel seines inneren Gewissens, als äusserer Ausdruck innerer Prozesse.
Eine andere Form moderner Entmenschlichung zeigt «Die Ermordung einer Butterblume» von Alfred Döblin. Hier steht nicht ein bürokratisches System im Mittelpunkt, sondern die Wahrnehmung der Figur namens Fischer. Die Butterblume wird nicht als Pflanze, sondern beinahe wie eine reale Person behandelt. Diese Personifikation ist typisch für die Moderne. Fischer reagiert auf die Zerstörung der Blume mit Schuldgefühlen und innerer Zerrissenheit. Die Handlung verlagert sich dabei stark ins Innere, klare Abläufe lösen sich auf. Als Leser*in kann man nicht eindeutig zwischen Realität und subjektiver Wahrnehmung unterscheiden. Wenn man es anders ausdrückt, kann man sagen, dass die Entmenschlichung sich hier als Selbstentfremdung zeigt: Fischer verliert den Bezug zu sich selbst und zur Umwelt. Auffällig ist, dass moderne Texte häufig dazu neigen, Dinge zu vermenschlichen. Die Butterblume wird zur moralischen Instanz, ähnlich wie heute technische Systeme oder KI-Chatbots menschliche Eigenschaften zugeschrieben bekommen. Diese Tendenz zur Personifikation zeigt, wie sehr der Mensch in der Moderne nach Orientierung sucht. Gleichzeitig wird der echte Mensch im System oder in der inneren Wahrnehmung zunehmend unsichtbar. Moderne Literatur macht diese Entwicklung nicht erklärend, sondern erfahrbar – durch Verfremdung, Ambivalenz und offene Bedeutungen.
Die in der literarischen Moderne beschriebene Verfremdung lässt sich nicht nur als literarisches Phänomen verstehen, sondern auch auf heutige Formen des sozialen Zusammenlebens übertragen. Sowohl in «Der Process» als auch in «Die Ermordung einer Butterblume» wird gezeigt, wie menschliche Beziehungen verzerrt, ersetzt oder auf abstrakte Strukturen verschoben werden. Genau diese Verschiebung lässt sich auch im heutigen Social Life beobachten, insbesondere im Umgang mit digitalen Medien und KI-gestützter Kommunikation.
In «Der Process» entsteht Verfremdung vor allem durch die Bürokratie. Josef K. bewegt sich in einer Welt, in der Beziehungen nicht mehr persönlich, sondern funktional sind. Menschen begegnen ihm als Vertreter eines Systems: als Advokaten, Beamte oder Helferfiguren ohne echte Verantwortung. Kommunikation dient nicht dem Verstehen, sondern der Verwaltung. Josef K. wird nicht als Individuum wahrgenommen, sondern als Akte, als Vorgang, der bearbeitet werden muss. Dadurch entsteht eine tiefe soziale Isolation. Obwohl Josef K. ständig mit anderen Menschen spricht, kommt keine echte Beziehung zustande. Nähe wird durch Zuständigkeiten ersetzt, Verantwortung durch Regeln. Diese Form der Verfremdung wirkt sachlich und nüchtern, ist aber gerade deshalb besonders entmenschlichend.
In «Die Ermordung einer Butterblume» zeigt sich Verfremdung auf einer anderen Ebene. Die Figur Fischer ist nicht in ein äusseres System eingebunden, sondern erlebt eine innere Dissoziation. Statt stabile Beziehungen zu Menschen aufzubauen, projiziert er Gefühle auf eine Butterblume. Die Blume wird personifiziert und wie eine reale Person behandelt. Gleichzeitig bleiben echte menschliche Kontakte leer oder gestört. Die Verfremdung besteht hier darin, dass das Menschliche auf ein Objekt verschoben wird, während reale Beziehungen an Bedeutung verlieren. Fischer begegnet der Welt nicht mehr direkt, sondern durch Projektionen und innere Bilder.
Diese beiden literarischen Formen der Verfremdung lassen sich mit heutigen Entwicklungen im Social Life vergleichen. Immer häufiger werden soziale Bedürfnisse nicht mehr durch direkte menschliche Beziehungen erfüllt, sondern durch digitale Kommunikation oder KI-Chatbots. Diese Systeme imitieren zwischenmenschliche Kommunikation, reagieren verständnisvoll, wirken intuitiv und sind jederzeit verfügbar. Dadurch entsteht leicht der Eindruck von Nähe, Freundschaft oder sogar emotionaler Bindung. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Konstruktion, die auf Projektion beruht. Gefühle werden auf etwas Nicht-Menschliches übertragen.
Ähnlich wie bei der Butterblume wird ein Objekt vermenschlicht, während reale Beziehungen in den Hintergrund treten. Gleichzeitig erinnert diese Entwicklung an die Situation in «Der Process»: Kommunikation findet zwar ständig statt, bleibt aber unpersönlich und funktional. Der Mensch ist erreichbar, aber nicht wirklich anwesend. Freundschaften werden ersetzbar, Beziehungen kontrollierbar, Nähe berechenbar. Die Verfremdung besteht darin, dass soziale Beziehung simuliert wird, ohne wirklich stattzufinden.
Die literarische Moderne hilft, diese Entwicklung zu verstehen. Sie zeigt, dass Verfremdung kein neues Problem ist, sondern ein strukturelles Phänomen, das sich unter veränderten Bedingungen wiederholt. Ob durch Bürokratie, innere Projektionen oder digitale Systeme – immer dann, wenn menschliche Beziehung durch abstrakte Strukturen ersetzt wird, entsteht Entmenschlichung. Die Texte der Moderne machen diese Prozesse sichtbar und fordern dazu auf, die eigene Gegenwart kritisch zu reflektieren.