

Ein Essay über die Beziehung zwischen Mensch und Natur anhand «Die Ermordung einer Butterblume» von Alfred Döblin.
Die Kurzgeschichte von Alfred Döblin, «Die Ermordung einer Butterblume», wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext des Expressionismus verfasst. Eine Zeit oder ein Kapitel der Literatur, in der man sich auf das «innere Ich» konzentriert, statt sich auf eine realistische Abbildung der Aussenwelt zu fokussieren. Menschen beschreiben eigene Vorstellungen, wie auch eigene Überlegungen. Der Fokus liegt auf dem Inneren des Menschen. Zwar beschäftigen sich Menschen in allen Epochen mit inneren Gedanken und Gefühlen, doch im Expressionismus wird das «Ich» nicht als harmonisch oder stabil gezeigt. Vielmehr erscheint es zerrissen, überfordert und in Konflikt mit einer anonymen, mechanisierten Welt. Die literarische Darstellung ist daher oft radikal, sprachlich extrem und bewusst anti-realistisch.
Im Zentrum stehen die inneren Gefühle, Überzeugungen und Weltbilder des Individuums. Alfred Döblin thematisiert diese Aspekte am Beispiel des Kaufmanns Michael Fischer, dessen Wahrnehmung und innere Konflikte die Darstellung der Handlung wesentlich bestimmen. Er zerstört eine Butterblume am Wegrand infolge eines plötzlichen inneren Drangs. Nach der «Ermordung» verspürt Fischer starke Schuldgefühle und versucht, sich ihrer zu entledigen. Was verrät uns nun «Die Ermordung einer Butterblume» über die Beziehung vom Menschen zu der Natur? Gibt der Text darauf eine eindeutige Antwort, oder bleibt diese Beziehung bewusst offen für unterschiedliche Interpretationen?
Zu Beginn der Geschichte zerstört Michael Fischer eine am Wegrand stehende Butterblume. Kurz zusammengefasst lässt sich die Handlung wie folgt darstellen: Auf dem Weg nach St. Ottilien richtet Fischer seine Wut auf die Pflanze und beschreibt seine Tat selbst in Begriffen, die sonst einem Menschen vorbehalten sind. Dadurch erhält die Zerstörung für ihn den Charakter eines Mordes.
In der Folge wird Fischer von starken Schuldgefühlen geplagt, die er auf verschiedene Weise zu bewältigen versucht. Er besucht Gottesdienste und verleiht der Butterblume den Namen «Ellen», wodurch er sie weiter personifiziert. Diese Versuche bleiben jedoch erfolglos. Es kommt sogar bis zu dem Punkt, wo er seine «Schuld» zu bewältigen versucht, indem er die «Tochter» von Ellen aufnimmt und um diese sorgt. Durch übertriebene Erziehung und Kontrolle versucht Fischer, seine eigene Schande zu kompensieren, was schliesslich zur inneren und äusseren Zerstörung aller Beteiligten führt.
Des Weiteren wird im Text gezeigt, dass die Natur der Hauptfigur nicht nur passiv gegenübersteht, sondern ihr aktiv entgegentritt. Die Bäume werden so dargestellt, als würden sie Michael Fischer «angreifen», wodurch die Natur personifiziert und als Gegenkraft zum Menschen inszeniert wird. Der Wald erscheint dabei nicht als idyllischer Raum, sondern als bedrohliche Umgebung, in der sich der Mensch seiner eigenen Gewalt gegenüber der Natur ausgesetzt sieht. Diese Darstellung wird durch die folgende Textstelle verdeutlicht: «Wieder rennt er har gegen eine niedrige Tanne; die schlägt mit aufgehobenen Händen auf ihn nieder.» (S.71, Z.25) Durch diese Vermenschlichung der Bäume wirkt es, als würde die Natur auf Fischers vorherige Tat reagieren. Die Gewalt, die er der Butterblume zugefügt hat, kehrt in veränderter Form zu ihm zurück.
Daraus lässt sich interpretieren, dass die Geschichte ein gestörtes Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufzeigt. Der Mensch greift zerstörerisch in die Natur ein und begegnet ihr mit Herrschaftsanspruch, wird jedoch gleichzeitig von Schuldgefühlen und Angst verfolgt. Die Natur erscheint nicht als moralisch überlegene Instanz, sondern als Spiegel der inneren Zerrissenheit des Menschen.
In diesem Zusammenhang kann die «Ermordung» der Butterblume als Symbol für die gewaltsame Unterordnung der Natur gelesen werden. Döblin zeigt damit, wie der Mensch versucht, sich die Natur verfügbar zu machen, ohne die Folgen seines Handelns zu kontrollieren. Obwohl Fischer seine Tat bereut, ist er nicht in der Lage, sein Verhalten grundlegend zu verändern. Diese Ambivalenz lässt sich auch auf heutige Verhältnisse übertragen: Trotz eines zunehmenden Bewusstseins für Umweltzerstörung handeln Menschen häufig weiterhin entgegen ihrem Wissen. Die Kurzgeschichte liefert dabei keine eindeutige Lösung, sondern legt die zerstörerischen Mechanismen offen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur prägen.
«Die Ermordung einer Butterblume» zeigt ein grundsätzlich gestörtes Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Der Mensch begegnet der Natur nicht als gleichwertigem Gegenüber, sondern versucht, sie zu beherrschen, zu formen oder zu zerstören. Diese Haltung äussert sich in der gewaltsamen Behandlung der Butterblume ebenso wie in der späteren Personifikation und Schuldprojektion. Gleichzeitig macht der Text deutlich, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist und sich seiner eigenen Gewalt nicht entziehen kann.
Eine eindeutige Lösung für dieses Spannungsverhältnis liefert die Geschichte jedoch nicht. Döblin formuliert keine moralische Handlungsanweisung, sondern legt innere Konflikte, Schuldmechanismen und Verdrängungsstrategien offen. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur bleibt bewusst ambivalent: Die Natur erscheint zugleich als Opfer menschlicher Gewalt und als Spiegel der inneren Zerrissenheit des Menschen. Dadurch bleibt die Deutung offen und fordert die Lesenden dazu auf, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur selbst kritisch zu reflektieren.