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#Deutsch#Unterricht

Musik gegen das innere Zerbrechen

21. April 2026
Cellistin zwischen Stacheldraht und Notenlinien symbolisiert, dass Musik zugleich Überlebensfaktor und Erinnerung. (Quelle: ChatGPT)

Was kann Musik für einen Menschen bedeuten, wenn fast alles andere genommen wird. Ausgehend von Anita Lasker-Wallfischs Bericht fragt dieser Blog, was genau die Musik, also das Cello, für Anita bedeutet und welche Rolle Musik beim Überleben oder als Hilfe (Musiktherapie), bei der inneren Stabilisierung und bis heute für den Menschen spielen kann.

Eines der im Plenum gelesenen Werke war «Ihr sollt die Wahrheit erben» von Anita Lasker-Wallfisch. Bevor wir die Lektüre lasen, beschäftigten wir uns zunächst mit dem historischen Hintergrund, also mit dem Holocaust. Dabei ging es im Unterricht jedoch nicht einfach darum, Fakten zu wiederholen oder isoliertes Sachwissen anzusammeln. Im Zentrum stand vielmehr die Frage, was geschieht, wenn Geschichte nicht nur über Zahlen, Jahreszahlen und Begriffe vermittelt wird, sondern über die Stimme eines einzelnen Menschen, der diese Zeit selbst erlebt und überlebt hat. Darin lag die besondere Bedeutung des Textes. Denn der Holocaust erschien nicht mehr nur als abstraktes historisches Geschehen, sondern als erfahrene Wirklichkeit einer konkreten Person.

Erinnerung sollte hierbei nicht bloss als historisches Wissen verstanden werden, sondern als sprachliche, persönliche und menschliche Auseinandersetzung. Ein autobiographischer Text vermittelt nicht nur Informationen, sondern auch eine Perspektive. Er zeigt, wie ein Mensch das Geschehene wahrgenommen, erlitten und später in Sprache gefasst hat. Gerade dadurch unterscheidet sich ein Zeitzeugenbericht grundlegend von einem Lehrbuchtext. Während ein Lehrbuch Ereignisse ordnet und Zusammenhänge erklärt, macht ein autobiographischer Bericht erfahrbar, was hinter diesen Zusammenhängen steht. Wie zum Beispiel Emotionen wie Angst, Verlust, Ausgrenzung, Überlebenswille und die Schwierigkeit, für das Erlebte überhaupt Worte zu finden.

Im Unterricht wurde ausserdem besprochen, dass Menschen, die einen konkreten Grund für ihre Verfolgung kannten, oft eher in der Lage waren, später über ihre Erfahrungen zu sprechen, als Menschen, für die das Geschehen völlig grundlos und unverständlich blieb. Bei Anita Lasker-Wallfisch lag dieser Grund wie bei vielen anderen Verfolgten in ihrer Religion: Sie wurde verfolgt, weil sie Jüdin war. In diesem Zusammenhang wurde auch der Begriff Antisemitismus wichtig, also der tief verwurzelte Hass auf Jüdinnen und Juden, der sich im Nationalsozialismus radikalisierte und in systematischer Verfolgung und Ermordung endete. Zugleich wurde deutlich, dass das Wissen um den Grund der Verfolgung das Erlebte keineswegs leichter machte. Auch Anita Lasker-Wallfisch brauchte Jahrzehnte, bis sie ihre Geschichte öffentlich machen konnte. Der Hauptgrund für die verspätete Veröffentlichung, wie auch für das Veröffentlichen ist ihre Familie und sie selbst. Einerseits sorgte sie sich darüber, dass der Bericht ihre Familie zu sehr überschatten würde. Andererseits fand sie, dass ihre Familie das Recht hatte die Wahrheit zu erfahren. Nicht nur für Anita, sondern für eigentlich alle Überlebenden ist oder war der Holocaust etwas extrem schwer Verarbeitbares. Daher auch das lange Schweigen. Im Plenum wurde besprochen, dass es zwei Arten gäbe das Ganze zu verarbeiten: einerseits das spätere Bezeugen der Wahrheit, andererseits die innere Stabilisierung des eigenen Ichs. Schweigen bedeutet deshalb nicht unbedingt Vergessen, sondern kann auch Ausdruck davon sein, dass das Erlebte zuerst innerlich verarbeitet werden muss.

Anita Lasker-Wallfisch wurde 1925 in Breslau geboren, war Cellistin und überlebte Auschwitz sowie später Bergen-Belsen gemeinsam mit ihrer Schwester. Im Konzentrationslager Auschwitz spielte sie im Mädchenorchester, der sogenannten „Kapelle“. Diese musikalische Fähigkeit Cello spielen zu können wurde für sie zu einem entscheidenden Überlebensfaktor, weil sie deshalb nicht sofort ermordet wurde.

Ein wichtiges Ergebnis der Unterrichtsbesprechung war, dass die Musik bei Anita Lasker-Wallfisch nicht nur als biographisches Detail verstanden werden kann, sondern auch als möglicher Faktor des Überlebens, der inneren Stabilisierung und mehr als bloss Kunst oder Unterhaltung. Sie half Anita beim physischen Überleben. Daraus kann schlussfolgern, dass ein solcher Text nicht nur historische Erinnerung vermittelt, sondern auch die Frage aufwirft, wie ein Mensch unter extremen Bedingungen sein inneres Ich bewahren kann.


Cello zwischen Dunkelheit und Licht zeigt, dass Musik nicht nur mit der Vergangenheit verbunden ist, sondern bis heute Menschen Halt, Ausdruck und innere Stabilität geben kann. (Quelle: ChatGPT)

Musik ist normalerweise mit Schönheit, Ausdruck, Trost oder Menschlichkeit verbunden. In Auschwitz jedoch wurde sie in ein System des Terrors eingegliedert. Dass ausgerechnet etwas so Menschliches wie Musik innerhalb eines unmenschlichen Lagersystems über Leben und Tod mitentscheiden konnte, erzeugt einen tiefen Widerspruch. An diesem Punkt lohnt es sich, die Rolle der Musik noch genauer zu betrachten. Dass Anita Lasker-Wallfisch im Lager Cello spielte, bedeutete nicht nur, dass sie dadurch physisch bessere Überlebenschancen hatte. Musik konnte für sie auch innerlich eine wichtige Funktion haben. Im Unterricht wurde besprochen, dass es neben dem späteren Bezeugen der Wahrheit auch eine innere Stabilisierung des eigenen Ichs geben kann. Genau hier scheint die Musik besonders bedeutsam zu werden. In einer Umgebung, in der Menschen systematisch entwürdigt, entrechtet und auf blosse Verwertbarkeit reduziert wurden, konnte das Musizieren etwas bewahren, das sich der völligen Zerstörung entzog. Wer spielt, erinnert sich an etwas Gelerntes, an Form, Ausdruck, Disziplin und an ein Selbst, das mehr ist als die Rolle, in die man gezwungen wird. Beim Menschen wirkt Musik oft auf einer Ebene, die über Sprache hinausgeht. Gerade traumatische Erfahrungen lassen sich oft nicht sofort in Worte fassen. Musik kann dagegen Gefühle aufnehmen, ordnen, beruhigen oder verstärken, ohne dass sie zuerst begrifflich erklärt werden müssen. Sie kann Trost geben, ohne das Geschehene ungeschehen zu machen, und sie kann Halt schaffen, wo innerlich Zerrissenheit herrscht. In diesem Sinn könnte das Cellospiel für Anita Lasker-Wallfisch eine Form der Ich-Stabilisierung gewesen sein, also eine Möglichkeit, innerlich nicht ganz zu zerbrechen, obwohl die äussere Wirklichkeit genau darauf ausgerichtet war.

Hier berührt sich das Thema mit der Musiktherapie. Musiktherapie ist heute ein wissenschaftlich fundiertes therapeutisches Verfahren, bei dem Musik gezielt eingesetzt wird, um Wahrnehmung, Ausdruck, Kommunikation und innere Stabilität zu fördern. Sie wird etwa in der Psychiatrie, Rehabilitation oder Demenzarbeit angewendet. Natürlich war Anita Lasker-Wallfisch nicht in einer Musiktherapie. Trotzdem hilft dieser Vergleich, ihre Situation besser zu verstehen. Musiktherapie geht nämlich davon aus, dass Musik Menschen auch dann erreichen kann, wenn Worte fehlen oder nicht ausreichen. Genau das ist hier der entscheidende Punkt. Unter den Bedingungen des Lagers konnte Musik fuer Anita vielleicht etwas leisten, das man heute als stabilisierende Wirkung beschreiben würde: Sie schuf Struktur in einer Welt des Chaos, sie band sie an ein Können und an eine frühere Identität zurück und sie gab ihrem Erleben eine Form, ohne dass dieses Erleben schon sprachlich verarbeitet sein musste. Das Cello war also nicht nur ein Mittel zum Überleben im äusseren Sinn, sondern möglicherweise auch ein innerer Halt.

Das gilt bis heute. Viele Menschen hören Musik, wenn sie traurig, überfordert oder allein sind. Musik begleitet Lebensphasen, erinnert an bestimmte Menschen und gibt Gefühlen eine Form. Gerade deshalb ist sie mehr als bloss Unterhaltung. In Anita Lasker-Wallfischs Geschichte wird sichtbar, dass Musik nicht nur äusserlich beim Überleben helfen konnte, sondern vielleicht auch innerlich etwas bewahrte: ein Gefühl von Identität, Würde und Menschlichkeit. Gerade in dieser Nähe zur Musiktherapie wird deutlich, wie tief Musik auf den Menschen wirken kann. Sie heilt das Erlebte nicht, aber sie kann verhindern, dass ein Mensch innerlich ganz daran zerbricht.